The Legendary Mighty Wolf Readings KOSTPROBEN

 

The Mighty Wolf, mein Pseudonym, wenn ich mal eins brauch

 

Texte:

# 1) Du bist verrückt mein Kind

Wettbewerbsbeitrag 2011

für die USE, Union Sozialer Einrichtungen Berlin, zum Thema: Verschüttete Gefühle

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AUTOR: Wolfgang Weber
TITEL: Du bist verrückt mein Kind


hi,
ich habe bereits am Wettbewerb 2008 teilgenommen., mit einem englischsprachigen Gospelsong.

Das hat allerhand Energien bei mir freigesetzt. Ich war damals in der Klinik und wollte wieder gesund werden und weiterarbeiten.

Ich bekam im Anschluß Spaß daran, verschiedenartige Texte zu schreiben, zunächst kürzere, später auch längere. Das Bedürfnis, sich auszudrücken, Erlebnisse zu verarbeiten, auch negative, auch solche, die bereits länger zurücklagen, weitete sich aus.

Schließlich wuchs in mir der Wunsch, meine Texte vor Publikum vorzutragen, möglichst mit Diskussion, zunächst in Schreibwerkstätten, später auf verschiedenen offenen Bühnen. Weiterhin höre ich gerne und oft anderen Autoren zu.

Das Lesen und Schreiben hat mein Selbstbewußtsein gestärkt und natürlich meine Redegewandheit sowie mein argumentatives Geschick.

EXKURS 1: Selbst redend

Wo gerade vom Reden die Rede war: Ich erinnere mich heute noch gerne an den Besuch eines Rhetorik-Seminars an der Technischen Universität Braunschweig, der Dozent war damals schon über 80 Jahre alt. Es war sein letztes Rhetorik-Seminar und mein erstes.

Besonders wichtig war ihm das richtige Atmen. Wir machten deshalb immer wieder Atemübungen mit den Worten von Johann Wolfgang von Goethe:
Im Atmen liegen zweierlei Gnaden, die Luft einziehen und sich ihrer entladen.
Wie ich finden, kann man diese Einsicht auch ganz wunderbar auf das Schreiben von Texten anwenden. Man braucht einen Rhythmus, bestehend aus Ein- und Ausatmen, einen, unter Umständen, unregelmäßigen Takt, einen großen Bogen, um einem Text die innere Spannung zu geben.

Das Seminar in Braunschweig ist über 30 Jahre her, es hat mich geprägt und zur inneren Ruhe, zur Gelassenheit gebracht, die man braucht, um Dinge zu einem Ende zu bringen.

Zwei mal, vor 20 Jahren und erneut vor 3 Jahren, habe ich meine innere Ruhe verloren. Die Fähigkeit, Dinge zu einem großen Ganzen zusammenzufassen, war mir vorübergehend verloren gegangen.

Das Gefühl, gelassen über den Dingen zu stehen, hatte mich verlassen, dieses verschüttete Gefühl, kehrte wieder zurück, auch dank des Anstoßes durch den Literaturwettbewerb 2008.

ENDE EXKURS 1

Wichtig ist also auch beim Schreiben eine gewisse Zielstrebigkeit, der Wunsch, eigene Ziele anzustreben, Zielwasser zu trinken, sich in andere Personen und Welten hineinzuversetzen, durch eine kleine Geschichte oder Anekdote beispielsweise.

Beim Schreiben und Vorlesen kann ich dann meine Manie ausleben, von der ich vor 3 Jahren noch gar nicht wußte, daß ich sie habe. Hatte ich nicht 20 Jahre lang eine paranoid-halluzinatorische Psychose (mit leicht wechselnden Diagnosen)?

Ein Arzt wollte mir die Begeisterung für das Schreiben austreiben. Er hielt sie für eine Manie und wollte meine Aktivitäten dämpfen. Ich wiederum konnte nicht genug davon bekommen, mich in verschiedenen literarischen Bereichen auszutoben, und auch nicht so spannendes wieder fallen zu lassen. Meine Mutter, die auch am Schreiben, autobiographischer, Texte viel Spaß hat, war ganz begeistert, daß ich vielfältige Aktivitäten entwickelte, im Gegensatz zu anderen Leuten, die vollkommen unmotiviert sind, etwas zu erreichen.

RUNNING IN CIRCLES

Die Freude am Lesen und Schreiben zieht immer weiter Kreise. Ich lerne neue Bekannte kennen,

finde immer mehr / neue Orte / Menschen / Texte / Diskussionen / Themen / Inhalte / Lesebühnen / offene Bühnen / Literatur / Theater / Kunst / Musik / Buchmesse Leipzig / Lange Nacht der Poesie / Lange Nacht des Buchs Oranienstr. / Buchmarkt Kollwitzplatz

EXKURS 2: it ain't me babe

Lange Buchnacht Oranienstr. (Mai 2011) / Eröffnung der Buchhandlung Moritzplatz / Lesung Wolf Wondratschek

es sind mehrere Männer da, die Wolf Wondratschek ähneln /  immer wieder / das könnte er sein / dann wieder doch nicht

it ain't me babe

da ist einer mit Brille / in schwarz / er schaut sich Bücher an / er sieht dem Foto / auf der Einladung recht ähnlich / allein, ist er es wirklich?
er sitzt / an einen Holzklotz gelehnt / da / und er liest und blättert / und er scheint alles / rings um sich / zu vergessen / er sitzt vor dem Regal / Geschichte Politik Gesellschaft / das würde passen
nun hat er seinen Platz / verlassen und / ist spurlos verschwunden / alles eine Sache von Sekunden / wo ist er?
er sitzt in der gleichen Reihe / wie ich auch / auf einem Randplatz / wenn er es ist /
er war es / dann doch nicht

it ain't me babe

er wurde / von mir / vorher übersehen / und kommt jetzt auf die Bühne / Wolf Wondratschek / ja / er sieht dem auf dem Foto ähnlich

ich lasse / mir von ihm / ein Buch signieren / und überlege / ob ich ihm sagen soll / daß ich mehrere andere / für ihn / gehalten habe / und er war es dann doch nicht

it ain't me babe

ich hab's / dann gelassen / habe lieber gesagt / vielen Dank für die spontane Lesung / hat mir gut gefallen

Die / Doppel- oder / Beinahe-Doppelgänger / saßen teilweise auf reservierten Plätzen / vielleicht waren es / ja / Verwandte von ihm.

Da habe ich mich nun in bestimmt 7 mögliche Wondratscheks versetzt, der einzige, den ich nicht für ihn gehalten habe, das war er, gerade der.

Rafik Schami hat ja ein Buch Sieben Doppelgänger geschrieben, wo er sich bei den Lesungen vertreten läßt, weil es für einen alleine viel zu viele Anfragen waren. Durch die Doppelgänger konnte er an 8 Orten gleichzeitig lesen, das ging natürlich schief, aber das ist eine andere Geschichte.

it ain't me babe, geschrieben von Bob Dylan, gerade 70 geworden.

ENDE EXKURS 2

Schwer ist es, sich in andere hinein zu versetzen, in die Leiden, in die Schmerzen, in die Probleme anderer. Mein Schwager zum Beispiel ist schwer durch Pollen belastet, die ihn quälen. Man weiß nicht, ob es wirklich so schlimm ist, wie der Betroffene sagt. Manchmal spielt er es auch herunter. In diesem Fall war mein Schwager so schwer geplagt, daß er tatsächlich einen Tag auf der Arbeit fehlen mußte

was viele nicht Betroffene / nur schwer / einschätzen können / ist / wie sehr / Menschen mit psychischen Problemen / unter diesen Problemen leiden
eigenes Leiden / macht sensibler / für die Leiden anderer / sie machen / jemanden reifer / als einen / der nur Höhen / aber keine Tiefen / erlebt hat / wie der Schleswig-Holsteinische Ministerpräsident / Uwe Barschel / er ging auf meine Schule
keine Tiefe der Emotionen / der Texte / ohne Höhen und Tiefen / erlebt zu haben

ich gelte auf / den offenen Bühnen / wohl als derjenige / der immer / etwas zum Anschauen / Mitsingen / Zusammenfassen / Begleiten / für den Rhythmus / mitbringt
über den Rhythmus der Musik / des Textes komme ich / zurück / zum Rhythmus des Lebens / ich fasse / wieder Tritt
das verloren geglaubte / Gefühl / der inneren Ruhe / ist wieder da / das der Begeisterungsfähigkeit / sowie das der Zielstrebigkeit / ist wieder intensiver / und richtet sich / augenblicklich / auf Literatur / selbst geschrieben / vorgetragen oder auch angehört / von anderen geschriebenes

Bilder und Texte / aus dem Kontext nehmen / und etwas anderes / daraus machen / etwas neues / etwas eigenes / das wärs gewesen

Andy Warhol sagt / jeder hat Anspruch auf seine / 15 minutes of fame / seine Viertelstunde des Ruhms / die meisten / offenen Bühnen /gewähren jedem Autor / 10 Minuten / das sind 2/3 Ruhm / das reicht auch

Die soziale Komponente / ist mir / sehr wichtig / zumal oder gerade / weil ich / eher ein Einzelgänger bin /

Leute treffen / mit ihnen in Kontakt kommen / sie kennenlernen / mit ihnen sprechen / diskutieren / zuhören / Gehör finden

hat das Wetter / Einfluß auf / die Stimmung / auf die Texte ?
Sonne / kalt / Wind / tiefe Schatten
optimistisch / tief / sprunghaft / assoziativ / womöglich manisch

EXKURS 3: Du bist verrückt mein Kind

Nun kommen wir, endlich zum Titel dieses Textes.

Das Kalendermotiv des Landesamtes für Gesundheit und Soziales / Integrationsamt im April 2011, also während des Literaturwettbewerbs, wie passend, ist:

Du bist verrückt mein Kind
Du musst nach Berlin
wo die Verrückten sind
da gehörst Du hin

von Franz von Suppé (1819 - 1895).

er war ein / österreichischer Operettenkomponist / dessen / eigentlicher Name / Francesco Ezechiele Ermengildo Cavaliere Suppe Demelli / viel musikalischer klingt / als der bekannte Kurzname / Franz von Suppé

ein Pseudonym / bedeutet / in eine andere Haut zu schlüpfen / ein anderer zu werden / womöglich / eine gespaltene Persönlichkeit zu werden

Stimmen zu hören / Halluzinationen zu haben / diese sind auch bekannt / als Fata Morgana / wenn es / in der Wüste passiert

was hat es / mit Pseudonymen / Künstlernamen auf sich? / spaltet sich / die Persönlichkeit ? / sind es zwei Seiten / einer Medaille?

1
ist Yusuf (Islam) / ein anderer als / Cat Stevens / und dieser wiederum / ein anderer als / Steven Demetre Georgiou

2
ist  Udo Jürgen Bockelmann / ein anderer als / Udo Jürgens

3
ist Ray Charles Robinson / ein anderer als / Ray Charles

4
Francesco Ezechiele Ermengildo Cavaliere Suppe Demelli / ist definitiv ein anderer / als Franz von Suppé

Du bist verrückt mein Kind
Du mußt nach Berlin
wo die Verrückten sind
da gehörst Du hin

Seltsam. Mehr als diese vier Zeilen habe ich lange nicht im Internet gefunden. Es gibt aber noch weitere:

Du bist verrückt mein Kind
Du mußt nach Plötzensee
wo die Verrückten sind
am grünen Strand der Spree

Es handelt sich um die Umdichtung eines Duetts aus Suppés Operette Fatinitza (1876), das im Original offenbar
Ich bin verrückt nach Dir
heißt.

5
ich selbst / Wolfgang Weber / schrieb vor 3 Jahren / für den USE.Literaturwettbewerb / als The Mighty Wolf / definitiv eine andere Persönlichkeit

if I don't go crazy/ I'll surely lose my mind / ein Soul/Blues-Klassiker / so klassisch / daß ich den Interpreten nicht im Kopf habe / Sam Myers oder doch James Brown /
wenn ich nicht verrückt werde / verliere ich gewiß meinen Verstand
if I don't go crazy / I'll surely lose my mind

ENDE EXKURS 3

nahtlos weiter zu

EXKURS 4: Wunderstab

ich bekomme / zum Geburtstag / einen Wanderstock

was man alles / mit einem Wanderstock / machen kann!

sich zu Wort melden / sich Platz / Respekt verschaffen / auf sich aufmerksam machen

Treppen / Leitern / Stufen / emporklettern

den Takt in der Philharmonie klopfen / ein Orchester dirigieren / einen konstanten Rhythmus klopfen

der mit dem Stock tanzt

was man noch damit machen kann / Wandern natürlich / und noch viel mehr

ein Wunderstab

ENDE EXKURS 4
eigentlich / eine EXKURSION / denn ich habe / Geographie studiert / und wandere jetzt / sehr gerne mit / alten und neuen Freunden

ist das / Lesen und Schreiben / mein second life / meine zweite Haut geworden?
bin ich aufgeblüht / bin ich aktiver geworden / zu aktiv?
ist das schon / wieder / manisch?
prüfe ich alles / darauf, ob es / für Texte verwertbar ist / benutzt werden kann?

es öffnet sich / für mich ein / neuer Kontinent / ein Bermuda-Dreieck / des Lesens und Schreibens

es gibt hidden tracks / bonus tracks / auf CDs
die einen sind verborgen / die anderen zusätzlich

ich schreibe über / Themen / die ich mir / selbst / stelle / was ich früher / nie / gewagt hätte / mir auch nur vorzustellen

und es macht / immer noch / Spaß

gelesen / habe ich immer
Briefe / mit der Hand geschrieben / habe ich immer / na ja / in letzter Zeit / mehr telefoniert

wie sagt der Jazz & World Musiker / Joe Zawinul?
we always solo / we never solo

auf das Schreiben übertragen:
ich schreibe alleine / ich bin für meine Texte verantwortlich
ich trage meine Texte in einer Gruppe vor / in einer Gemeinschaft

alleine und doch gemeinsam

Nazim Hikmet sagt es so:

Leben einzeln und frei wie ein Baum

und brüderlich wie ein Wald

das ist unsere Sehnsucht

CODA

Du bist verrückt mein Kind
Du mußt nach Berlin
wo die Verrückten sind
da gehörst Du hin

Du bist verrückt mein Kind
Du mußt nach Plötzensee
wo die Verrückten sind
am grünen Strand der Spree

von Francesco Ezechiele Ermengildo Cavaliere Suppe Demelli
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